12. August 2014

Dem Horizont entgegen.

- auf den Highways im Outback -

 
 Nach dem (nicht sonderlich hoch liegendem) Hochland gehts wieder runter und endlich rein ins echte Outback. Das was sich so einfach “Outback” nennet, nimmt ca. drei viertel der Flaeche Australiens ein, was bei einem so grossem Land ein riesiger Bereich ist. Man koennte demnach schnell vermuten, dass eine Tour durch dieses Gebiet langweilig und eintoenig ist, doch das Gegenteil ist der Fall. Abgesehen davon, dass ich einfach gerne “unterwegs” bin und in Autos, Bussen und bevorzugt Zuegen durch die Weltgeschichte tuckere gibt auch im Outback einiges zu beobachten was am Fenster vorbeizieht. In meiner Vorstellung war das gesamte Outback eine einzige trockene Wueste. Sand und sonst nichts. Dies war ein Trugschluss. Immer wieder wird man ueberrascht durch die unterschiedlichen Landschaftsformationen. Von trockener Steppe fahren wir hinein in roetliche Felsbrocken-Umgebung und von dort aus in  gruenes Gestruepp mit vielen mittelhohen Baeumen oder einfach nur sandiger Wueste. Die Strasse fueht immer geradeaus, der Horizontt ist das Ziel. 



 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Auch was die Einsamkeit des Outbacks angeht lag ich mit meiner anfaenglichen Einschaetzung daneben. Alle paar Minuten sieht man andere Autos, Campervans oder die bis zu 50m langen “Roadtrains” auf der Strasse. Verdursten am Strassenrand bei einem moeglichen Autounfall ist quasi unmoeglich. Die Groesste Gefahr auf den Highways im Outback sind wohl die vielen Kangurus die besonders bei Einbruch der Dunkelheit die Waerme des Asphalts suchen. Von Anfang an vermeiden wir es daher nach 16.00 Uhr auf den Strassen zu sein, doch auch die bereits toten Tiere stellen eine ernstzunehmende Gefahr da. Auf manchen Teilen der Strecke fahren wir quasi im Slalom um die vielen Kadaver herum. Was passiert wenn man einem bereits totem Kanguru nicht mehr ausweichen kann wissen wir nach den ersten Tagen auch. Es empfiehlt sich nicht einen von der Sonne bereits gegorenen Kadaver unter dem Auto kleben zu haben! Ein bestialischer Gestank bricht aus und begeitet uns wesentlich laenger als uns lieb ist.
 
transportiert alles moegliche ueber die endlos langen
Highways durchs Outback: Roadtrain

absolut unterschaetzt: der Beruf des Schilderhalters.
Ampeln werden im Outback durch Menschen ersetzt.
 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Vor Einbruch der Dunkelheit bauen wir unser Lager am Rand des Highways auf einer der vielen kostenlosen Rest Areas auf. Manchmal gibt es dort Wasser, manchmal Plumsklos, meistens aber einfach nichts ausser Natur. (Damit hier nicht der Eindruck aufkommt wir seinen mitlerweile voellig verwarlost: alle 3 Tage bezahlen wir fuer einen “ordentlichen” Campingplatz und nehmen eine Dusche). Nachdem wir unser Zelt aufgebaut und Lily und Kai ihr Schlaflager im Van errichtet haben beginnt die Suche nach Feuerholz. Je nach Location kann das schon mal schwierig werden, ist den Aufwand jedoch immer wert. Wir sind im Winter unterwegs. Das bedeutet, dass es tagsueber angenehm warm ist (immer sonnig, blauer Himmel, ca 25 Grad) nachts aber arschkalt wird. Und mit arschkalt meine ich auch arschkalt! Am Feuer ist es zwar noch angenehm ansonsten ist Zelten bei um die 0 Grad allerdings eher nicht zu empfehlen. Vorallem wenn man 10 Dollar Schlafsaecke von Aldi dabei hat, die wie wir nun wissen, nicht fuer solche Temperaturen geeignet sind. Auch in 4 Schichten Klamotten schlafen hilft nur temporaer... Da kann man schnell neidisch werden wenn man seine Camping-Nachbarn beobachtet. Ausser uns sind fast ausschliesslich australische Rentner (Retiries) auf den Highways unterwegs und die wissen wie man es sich bequem macht. Die komfortablen, riesigen Mobilehomes mit denen sie unterwegs sind entsprechen ungefaehr der Groesse meiner bisherigen Wohnungen und haben saemtlichen erdenklichen Luxus an Bord.
Entschaedigung fuer die kalten Naechte bietet der grossartige, stets klare Sternenhimmel wie man ihn nur fernab der Zivilisation sehen kann.
 
mehrere Etagen, Platz fuer den Hund,
Solarpannels auf dem Dach, Heizung, Satelitenempfang
und hintendran noch einen Jeep fuer Spritztouren -
so reisen Australier durch ihr Land
 
so reisen wir...



wir bekommen unseren ersten professionellen Haarschnitt
seit Jahren von Friseurin Lily - Danke!


selbstgebastelter Schutz gegen die Outback-Fliegen
sehr wirkungsvoll!


 
 
 
 
 
 
 
 
 

kochen am und auf dem Lagerfeuer

Stockbrot
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Je weiter wir ins innere des Landes fahren, desto hoeher werden die Spritpreise und desto mehr typische Outback-Doerfer passieren wir. Egal wie klein die Orte sind, es gibt auf jeden Fall immer mindestens ein Pub und eine Touristen Information. Das Auto mit Proviant vollzupacken hat sich gelohnt. Ich sehe eine Dose Instant-Kaffee fuer 43 Dollar!
 








 



 
 
 

5. August 2014

Das Reisen und die Zeit

 
 
Es ist ein Phaenomen! Theoretisch hat man keine Verpflichtungen, ist voellig frei von (fast) allen unangenehmen Aufgaben, muss nur tun wozu man gerade Lust hat und hat alle Zeit der Welt…aber eben nur theoretisch. Praktisch hat man auf Reisen IMMER irgendetwas zu tun und ist von morgens bis abends durchgehend beschaeftigt. “Freizeit”, also Zeit in der man wirklich mal garnichts zu tun hat ist aeusserst selten, Langeweile ueberhauptnicht mehr existent. So kommt es dann dass Emails unbeantwortet, Postkarten ungeschrieben und die vielen guten Buecher im Rucksack ungelesen bleiben. Ebenso wie das Blogschreiben immer weiter nach hinten aufgeschoben wird bis man an einem Punkt angekommen ist andem schon wieder soviel passiert ist, dass man garnicht weiss wie man das jemals aufholen soll…

Hier trotzdem der Versuch die letzte Zeit in Etappen zusammenzufassen:
Nach 2 Monaten freiwilliger “Gefangenschaft” in Townsville fuehlen wir uns nach unserem letzten Arbeitstag wie 2 Voegel die soeben aus ihrem Kaefig ausgebrochen sind und garnicht wissen wohin sie nun zuerst fliegen sollen. Wir entscheiden uns fuers geographisch naheliegendste: Magnetic Island. Die kleine Insel direkt vor Townsville ist zwar nicht magnetisch, dafuer aber ausgesprochen schoen. Hier campen wir mitten in Horden von Wallabies und Possums, spatzieren barfuss die vielen schoenen Buchten entlang, machen kurze Spatziergaenge durch die tropischen Felswaelder und gucken den Sonnenuntergang am Strand an.
 

 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Nach 2 Tagen geht es weiter nach Cairns. Ueber diese Stadt gibt es meinerseits wenig positives zu berichten. Hier gibt es Backpacker, Backpacker und dann noch ein paar Backpacker, zwischendurch trifft man auf ein paar Kneipen fuer Backpacker und an jeder Ecke gibt es eine Travel Agency extra fuer die….richtig!...Backpacker. Die Stadt ist weder schoen, noch besonders und das Wetter ist durchgehend beschissen. (Ok, ich gebe zu dass die Stadt fuer letzteres nicht verantwortlich zu machen ist) Grossartig ist lediglich unser Luxus-Zimmer zum mini-Preis und vorallem der Schnorchel Trip den wir gluecklicherweise fuer den einzigen sonnigen Tag unseres Aufenthaltes gebucht hatten. Nach unserem wunderbaren Schnorchel-Erlebnissen auf den Whitsundays wollten wir Australien auf keinen Fall verlassen ohne ein weiteres man das Great Barrier Reef besucht zu haben. Entgegen aller Erwartungen wird der Tagestrip nach Green Island in Sachen Schnorcheln sogar noch eine Klasse besser. Bei einsetzender Ebbe schwimmt man so nah ueber den Korallen, dass man aufpassen muss sich nicht den Bauch aufzuschlitzen. Fische gibt es in unzaehligen Formen, Farben und Groessen direkt vor unseren Taucherbrillen. Teilweise leuchten deren Farben so neonhell, dass man kaum glauben kann, dass sie wirklich echt sind. Da wir die Batterien fuer unser Unterwasserkamera vergessen hatten, sind diese Impressionen leider nur in meinem Kopf gespeichert und koennen nicht veroeffentlicht werden.
 
klarer kann Wasser nicht mehr sein...

 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Zum Glueck bleiben wir nicht allzu lange in Cairns, denn schon nach ein paar Tagen treffen unsere neuen Reisepartner ein. Lily und Kai hatten wir bereits vor ca 3 Monaten in Brisbane kennengelernt, zufaellig festgestellt, dass wir exakt die gleiche Reiseroute planen und beschlossen den Outback-Trip gemeinsam zu machen und Kosten, Van, Spass und Erfahrungen zu teilen. Erstaunlicherweise hat das Timing ausgezeichnet funktioniert und wir befinden uns alle vier zum gemeinsamen Start am damals ausgemachten Treffpunkt.

Von nun an sind wir also mobil. Der gemietete Campervan mit dem wir einmal quer durchs Outback dieses riesigen Landes fahren wollen nennt sich “Spaceship”, hat 4 Sitzplaetze, jede Menge Stauraum und sogar einen Mini-Kuehlschrank an Board. Um meine Mitreisenden nicht unnoetig in Lebensgefahr zu bringen verzichte ich darauf am Steuer zu sitzen, ebenso wie Kenneth (der sowieso keinen Fuehrerschein hat). Die Verantwortung des Fahrens bleibt also an den anderen beiden haengen, waehrend wir im Gegenzug das abendliche Kochen uebernehmen um uns erkenntlich zu zeigen.

Bevor wir die Kueste verlassen machen wir einen Abstecher ueber Port Douglas in den Daintree Rainforest bis zum Cape Tribulation (noerdlich von Cairns). Regenwald hatten wir bereits in Suedamerika gesehen und ist wohl immer faszinierend. Die Art und Weise wie man ihn erlebt ist hingegen sehr unterschiedlich. Waehrend wir uns in Suedamerika noch mit Gummistiefeln und Machete durch das dichte Gruen geschlagen haben und Aaeste umgeknickten um spaeter den Weg zurueck zu finden ist hier alles absolut organisiert. Der Track der durch den Regenwald fuehrt ist ein Boardwalk. Dies bedeutet, dass man die gesamte Zeit auf einer Art Holzsteg laeuft, Flip Flops als Wanderschuhe voellig ausreichen und man sich ungefaehr so fuehlt wie in einem riesigen Center Park. Schoen ists trotzdem, vielleicht nicht ganz so authentisch…
 

 



Der Boardwalk
 

 















Das Reisen ohne oeffentliche Verkehrsmittel im "eigenen" Campervan hat verschiedene Vorteile. Der zunaechst offensichtlichste ist, dass unsere Ruecken endlich entlastet werden. Die schweren Rucksaecke mit unserem kompletten Besitz muessen vielleicht noch hin und her geraeumt, jedoch nicht mehr getragen werden. Auch alles andere was man zum bequemen Leben braucht, haben wir immer dabei. Das Wohnzimmer (Campingstuehle und Tisch), die Kueche (Kocher, Toepfe, Teller, Besteck und Vorratskammer) und das Schlafzimmer (Zelt, Matten und Schlafsaecke) reisen mit uns herum und koennen jederzeit und ueberall innerhalb weniger Minuten aufgebaut werden. Dies erhoeht die Felexibilitaet und erfordert nur das geringste Mass an vorheriger Planung. Jederzeit kann man ueberall wo es einem gefaellt anhalten, aussteigen, zwischenstoppen oder wenn es einem besonders gut gefaellt laenger bleiben.
Um nicht auf die horrenden Lebensmittelpreise im Outback, also mitten im Nirgendwo angewiesen sein zu muessen haben wir den gesamten Kofferraum bis unter die Decke mit Proviant aufgefuellt und fuer den unwahrscheinlichen Fall einer Katastrophe zusaetliche Wasserkanister mitgenommen.

Lily und Kai aus Osnabrueck
 

 

 
 
 
 
 
 
 
Das Wohnzimmer


Zwischenstop am Strand
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Spontan aendern wir im Regenwald unsere Route und fahren auf Grund eines Tips von freundlichen Einheimischen ueber die sogenennten “Tabellands” ins Landesinnere. Hier befinden wir ums ploetzlich in einer weiten, gruenen Weidenlandschaft mit Bergen und Feldern deren Highlight eine Reihe von schoenen Wasserfaellen ist. Trotz eisiger Wassertemperaturen die einem kurzzeitig das Herz stehen bleiben lassen, nehmen wir ein Bad den “Milla Milla Falls” in dem bereits in den 90ern Peter Andre seinen Videoclip zu “Mystrious girl” gedreht hat.





 

Dusche und Bad in den Hot Springs die angeblich
Wunderkraefte haben
 




28. Mai 2014

Ankunft in der Realität


Hat irgendwer mal gesagt mal solle in allem das Positive suchen?

Mit unserem Aufenthalt in Townsville lernen wir immerhin das Durchschnittsleben in einer australischen Durchschnittsstadt kennen. Zeit, meinen anfaenglichen Eindruck von Australien (Melbourne) zu revidieren. Melbourne bildetete wohl eher eine Ausnahme in der Liste der vielen australischen Staedte. Sophisticated, kultiviert, lebendig, spannend. Kurz gesagt: all das was Townsville nicht ist.

Das Stadtzentrum (wenn man es ueberhaupt als solches bezeichnen kann) ist so ausgestorben, dass man dort nur sporadisch auf anderes menschliches Leben trifft. Voellig zurecht natuerlich, denn es gibt wirklich keinen Grund sich hier laenger aufzuhalten. Die wenigen Geschaefte die noch nicht pleite gegangen sind oder leerstehen haben gefuehlte 3 Stunden pro Tag geoeffnet – und das grundsaetzlich NIE wenn wir dort vorbei laufen. Selbst die wenigen Cafes haben zu den vermeintlichen Hauptgeschaeftszeiten (nachmittags am Wochenende) grundsaetzlich geschlossen. Die einzigen gut besuchten Oertlichkeiten sind hier die Pubs. Wenn man maennlich, alleinstehend, in vortgeschrittenem Alter und leicht verwahrlost ist kann man hier eine Menge seinesgleichen treffen!
Interessante Museen, Kino, Theater, Konzerte oder sonnstige Veranstaltungen sucht man hier vergeblich.

Da unser Tagesrhythmus vorsieht bis mindestens 14 Uhr zu schlafen kriegen wir von all diesem "Stadtleben" zugegebener Weise jedoch nur sehr wenig mit. Ausserdem kann es moeglich sein, dass meine Wahrnehmung durch den langweiligen Job, mit dem wir den Grossteil unserer Zeit hier verbringen, leicht beeinflusst wurde.
 
Stadtzentrum an einem normalen Wochentag
 

 
 
 
 
 
 
 
 
Romantik am Arbeitsplatz: Ich fuettere die Maschiene mit
Handtuechern, Kenneth nimmt sie am anderen Ende entgegen.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 


Der schoenste Teil der Stadt ist “The Strand”, die Strandpromenade. Hier gibt es Palmen, Sandstraende mit abgezaeunten Quallen-freien Schwimmstellen im Meer, eine Menge Grill und Picknick-Plaetze und “Juliette” die beste Eisdiele der Stadt.





Fuer den Fall das man von Stingern (giftigen Quallen)
beruehrt wird gibt es an jedem Strand eine Flasche Essig.
Angeblich ein wirkungsvolles "Gegengift".
 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 















Auch die Menschen sind hier “anders” als in Melbourne. Ich kann nun bestaetigen, dass Australien eine der Uebergewichtigsten Nationen der Welt ist und vermute ausserdem, dass es in speziell dieser Stadt einen eklatanten Mangel an Zahnaerzten gibt.


 
















Mit dem guten Oxford-Schulenglisch ist es nun endgueltig vorbei. Dank einer erhoeten Dosis “Umgang mit Einheimischen” haben wir uns endlich anpassen koennen.
In Australien wird geflucht! Das hat nichts mit schlechter Erziehung zu tun und zieht sich durch alle Gesellschaftsschichten. Mitzumachen ist einfach. Hierzu braucht man bloss die Woerter “fucking” oder “bloody” an einer bliebigen Stelle des Satzes einzubauen. In besonderen Faellen auch beide hintereinander.
Wie zum Ausgleich werden dann andererseits Woerter durch Verkuerzung und Anhaengern eines “ie” verniedlicht. Das funktioniert mit Namen (Catherine=Cathie, George=Georgie, Steve=Stevie), Staedten oder Ortsnamen (Brisbane=Brissie, Tasmania=Tassie, Australia=Aussi) wie auch mit Woertern des alltaeglichen Gebrauchs (Breakfast=Breakkie, Barbecue=Barbie, no big deal=no biggie)
 
Unser Zuhause:
bisschen pink, aber ansonsten ganz gemuetlich


Das Hostal...

...mit Pool auf dem Dach
 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 


Das schoene an der Ankunft in der Realitaet ist, dass wir sie in gut einer Woche wieder verlassen werden. Bloody fucking Townsville, das wars!


 

15. Mai 2014

Ein Angebot, das man nicht ablehnen kann...

Durch Zufall erfahren wir waehrend unserer Busfahrt von dem herannahenden Zyklon der bald in unserer unmittelbaren Naehe aufs Land treffen soll. Kein guter Zeitpunkt um auf Magnetic Island campen und schnorcheln zu gehen, denken wir uns, aendern blitzschnell alle Plaene und bleiben lieber im “sicheren” Hostal auf dem Festland in Townsville. Eine gute Entscheidung, denn in den daraufflogenden Tagen wird es kaum hell, stuermt dafuer ordentlich und hoert fuer etwas 48 Stunden nicht auf zu regnen.

Das Hostal kann man in dieser Zeit kaum verlassen und so passierts. Auf dem Tresen der Rezeption liegt es: Das Angebot das man nicht ablehnen kann.
Die Townsville Laundry sucht neue Mitarbeiter. Ansich nicht besonders verlockend, bis man den handgeschriebenen Zettel komplett gelesen hat und auf die Angabe des wahnwitzig hohen Stundenlohns trifft. “Kann nicht sein” ist unsere erste Reaktion “da hat sich wohl jemand verschrieben”. Ueberpruefen tun wir es natuerlich trotzdem. Einen Anruf spaeter wurde uns der stuendliche Verdienst muendlich bestaetigt und wir sollen bereits am naechsten Tag vorbei kommen.

Da der Job absolut KEINE Qualifikation erfordert werden wir am darauffolgenden Tag umgehend ohne Smalltalk oder Probearbeiten eingestellt und das Schicksal nimmt seinen Lauf.
Um schnell zum Punkt zu kommen: Noch nie in meinem gesamten Leben habe ich einen so langweiligen, eintoenigen, frustrierenden und verbloedenden Job ausgeuebt. Allerdings auch noch nie annaehernd so viel verdient...

Die Townsville Laundry ist eine industrielle Waescherei und unsere “abwechslungsreichen” und “verantwortungsvollen” Aufgaben erstrecken sich von Waesche sortieren, Waesche in Faltmaschinen stecken, Waesche auf der anderen Seite der Maschine wieder entgegennehmen, Waesche manchmal auch per Hand falten, Waesche in riesiege Buegelmaschinen hineinlegen oder haengen, bis zu dem Abpacken in 10er 20er oder 50er Pakete und Verladen auf die Paletten fuer den LKW.
Bei der “Waesche” handelt es sich um alles moegliche was in Hotels so anfaellt. Handtuecher in allen Groessen, Waschlappen, Bademaentel, Bettwaesche, Tischtuecher, Stoff-Servietten etc. Gluecklicherweise ist alles, wenn es bei uns ankommt, bereits leuchtend Weiss, wohlriechend und super-sauber. Der Job ist also weder anstrengend noch dreckig… Dies waere auf der Liste der positive Dinge zu vermerken… damit hoert sie allerdings auch schon auf.
Gearbeitet wird nachts in 12 Stunden Schichten von 17 Uhr abends bis 5 Uhr am naechsten morgen. Eine lange Zeit wenn man bedenkt, dass ich ungefaehr alle 5 min auf die Uhr schaue und nicht fassen kann, dass noch immer nicht mehr Zeit vergangen ist.

Nach der ersten Woche bin ich bereits so angenervt das ich kurz davor stehe alles hinzuschmeissen. Als dann jedoch das erste Gehalt auf unseren Konten eintrudelt, steigt die Motivation (kurzfristig) wieder an. In 6 Tagen habe ich etwa soviel verdient wie in einem ganzen Monat in Deutschland. Obendrauf kommen noch die Rentenzahlung und die Steuerrueckzahlung wenn wir Australien verlassen werden. In unserer Waehrung “Reisezeit” beduetet das: In einer Woche haben wir zwei sehr grosszuegige Reise-Monate in Asien verdient. Ja! Ich bin kaeuflich!

Zum Glueck gewoehnt man sich an vieles und so machen uns die Nachtschichten schon nach einer Woche ueberhaupt nichts mehr aus. Bei 12 Arbeitsstunden pro Tag plus Anreise wird in der restlichen Zeit sowieso nurnoch geschlafen und ob man das tagsueber oder Nachts tut ist dann auch egal.

Mein Gehirn ist mit einer solchen stupiden Taetigkeit natuerlich absolut unterfordert hat aber zumindest in den erstae Tagen reichlich Zeit sich mit der Analyse des neuen Umfelds zu befassen.
Wie ein Kamelion passe ich mich blitzschnell an und durchschaue den Verhaltenskodex des Fabrikslebens schneller als mir lieb ist. Fuer alle die eine aehnliche Karriere anstreben, hier die wichtigsten Verhaltensregeln auf einen Blick:

Nr. 1: Denken ist nicht nur voellig ueberfluessig, sondern auch ausdruecklich unerwuenscht!
Die Arbeiter sind hier schliesslich nur Nummern die die Arbeit uebernehmen die Maschinen (noch) nicht leisten koennen.

Nr.2: Gearbeitet wird in einem gemaessigten Tempo!
Nicht so langsam das man dabei einschlaeft, aber auch nicht wirklich schnell. Das wuerde schliesslich auffallen und alle anderen muessten ihr Tempo ebenfalls anziehen.

Nr. 3: Auch voellig hirnrissige Anweisungen und Entscheidungen sollten auf keinen Fall hinterfragt warden!
Recht hat immer der, der schon am laengsten hier arbeitet, bzw. der der sich fuer besonders wichtig haelt. So kommt es nicht selten vor, dass man z.B. einen Berg an Waesche sortiert und all das was man gerade nicht braucht auf einen anderen grossen Berg schmeisst. Natuerlich ist mir voellig klar, dass wir wenig spaeter genau diesen Berg ebenfalls durchsortieren und die gleichen Dinge erneut umschichten. Das behalte ich jedoch lieber fuer mich, schliesslich will man sich ja nicht unbeliebt machen.

Nr. 4: Tue niemals NICHTS!
Besonders wenn ein Chef in der Naehe ist sollte man UNBEDINGT IRGENDETWAS tun. Was genau ist nicht entscheident, solange man IRGENDETWAS tut. Fuer den nicht seltenen Fall, dass man gerade wirklich nichts zu tun hat wuehlt man einfach gesschaeftig in irgendeiner Kiste herum oder traegt mit schnellem Schritt ein Buendel an Waesche von A nach B (und kurz danach wieder zurueck nacch A)
Nr. 5: Ehrgeiz abschalten.
Jegliche Form von Uebereifer und Bemuehung sind hier absolut unnoetig und werden nicht honoriert. Zum wahrscheinlich ersten Mal in meinem Leben schalte ich meinen angeborenen Ehrgeiz des “alles moeglichst gut machen wollens” komplett aus und warte einfach nur darauf das die Zeit um geht.

 
 Nr.6: "Allright!"
Meine Antwort auf ALLES was man mir auftraegt. Vermutlich denken meine Vorgesetzten, dass dies das einzige englische Wort ist, das ich behersche.

Wie es der gute alte Kapitalismus so will, wird nach den ersten paar Wochen beschlossen die gleiche Arbeit an weniger Tagen mit weniger Leuten zu schaffen – kein Anlass zur Hektik. Ich arbeite in exakt dem gleichen Tempo weiter vor mich hin. Grosse Berge an wartender Waesche koennnen mich nicht einschuechtern. Fuer uns bringt diese Entscheidung den Vorteil, dass wir ab sofort nurnoch 4 Tage pro Woche arbeiten muessen und etwas mehr Freizeit haben.

Meine Emotionen den anderen Kollegen gegenueber schwanken zwischen abgrundtiefem Mitleid und “selber Schuld, du Idiot!” Viele hier machen diesen, oder aehnliche Jobs schon ihr ganzes Leben lang und ich frage mich ganz ernsthaft wie man das aushalten kann. Sein ganzes Leben in einer solchen Arbeitsathmosphaere verbringen nur um sich in regelmaessigen Abstaenden neue TV Flatscreens und das aktuellste Smartphone zu leisten? Sein Haus abzuzahlen? Alles in der Kneipe zu versaufen? Nein danke, ohne mich!
Im Gegensatz zu den anderen koennen wir die Tage zaehlen bis wir wieder weg sind und ich bin mir sicher wir werden jeden einzelnen verdienten Dollar geniessen.
Abgesehen von den absterbenden Gehirnzellen macht eine solche Arbeit auch nachweisslich nicht schoener. Die meisten hier sind entweder sehr stark ueber- oder unter-gewichtige Hinzu kommen tiefe Augenringe, ungesund blasse Haut und ein trauriger (gleichgueltiger) Gesichtsausdruck, der sich schon so in die Mimik eingebrannt hat, dass man ihn nie mehr ablegen kann.
Um nicht unfair zu sein muss erwaehnt werden, dass es natuerlich auch nette Kollegen gibt. Ein paar sehr nette Aborigines, eine junge unerschuetterlich lachende Neuseelaenderin und Ben, bei dem wir dieses Wochenende zum Geburtstags-Barbie eingeladen sind.

Auch zeitlich passt der Job perfekt in unsere Planung. In Brisbane haben wir zwei nette Deutsche getroffen, die wir in ca. einem Monat in Cairns treffen wollen um von dort aus einen gemeinsamen Roadtrip durchs Outback zu starten. Ca. einen Monat mit eigenem Van durch die Mitte des Landes von Cairns ueber Alice Springs und Uluru bis nach Adelaide. Wir koennen es kaum erwarten!